Die Volkstrachten der Bucoviner Schwaben

Heinrich Kipper

Aus:150 Jahre schwäbische Kolonisten in der Bucovina 1787-1937
25. und 26. September 1937

nachgedruckt von Deutsche Zeitungsgenossenschaft, Czernowitz (Stuttgart: Raimund Friedrich Kaindl Gesellschaft e V., 1987): 17-21.

Veröffentlicht  24 Juni 2006


Das Auslanddeutschtum legt seit der Wende im Reiche und wegen der nicht immer freundlichen Behandlung durch seine Wirtsvölker mehr als sonst Gewicht auf die Pflege des deutschen Brauchtums, der Mundart und der alten Volkstrachten. Je mehr Druck der Deutsche von außen erfährt, desto mehr glüht er im Innern für seine Hochziele, desto mehr regt, rüstet und wehrt er sich. Nicht seinen Freunden, seinen Feinden verdankt das deutsche Volk seine Härte und seine Stärke.

Da mir keinerlei Literatur und auch sonst kein wissenschaftlicher Behelf zur Verfügung stehe, kann ich nur schreiben, was ich selbst beobachtet und erfahren habe.

Das jetzt lebende Geschlecht der Bucoviner Schwaben, von dem ich räumlich getrennt bin, soll sich von unseren Volkstrachten schon recht weit entfernt haben. Das bestätigen auch die Lichtbilder in dem von Hans Dreßler herausgegebenem Buche “Deutsch-Illischestie in Bildern im Jahre 1931.” Ich finde in dem ganzen Album in allen Gruppenbildern sage und schriebe – zwei, die sich durch das Brustbild des im Jahre 1930 im 81. Lebensjahr verstorbenen Zunftmeisters Franz Sauer auf drei erhöhen. Ich kann nicht umhin, die auch in ihrer Kleidung im Buche Dreßlers noch Schwaben gebliebenen – zwei Landsleute hier als Vorbilder zu nennen. Der erste heißt Fritz Ast aus – Braschka also nicht aus Illischestie, der zweite Johann Hartmann, der somit als einziger die “Trachtenehre” der Illischestier in dem schönen Album Dreßlers rettet. Sogar der Senior und Nestor des Illischestier Deutschen, Christian Kipper, trägt schon eine einreihige, oben leicht geschlossene Weste, wenn auch noch keinen städtischen Schlips, und Schuhe statt Stiefel.

Ich muß daher, wenn ich eine kennzeichnende Tracht der Bucoviner Schwaben—ähnlich wie in Illischestie sind die Verhältnisse in Itzkany, Fratautz, Tereblestie, Rosch und in den anderen Schwabengemeinden—beschrieben will, um einige Jahrzehnte zurückgehen.

Wirklich arteigen ist weder unsere Tracht von heute noch die vor zwanzig und mehr Jahren. Denn auch das, was wir schwäbische oder deutsche Tracht nennen, ist aus Frankreich zu uns gekommen. Unsere Ahnen, die vor 150 Jahren das deutsche Mutterland verließen, trugen sich noch deutsch, ja behielten diese Tracht bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. In der Kleidung herrschen die lichten und bunten Farben und die Erzeugnisse der Hausindustrie vor. Die Tracht wird wohl der noch heute erhaltenen der Siebenbürger Sachsen sehr ähnlich gewesen sein. Mein Vater hat in seiner Bubenzeit noch den wollenen oder baumwollenen Spenzer gekannt und wohl auch getragen. Da unsere, der Schwaben, ursprüngliche Tracht untergegangen ist und wir uns eigentlich alle, Bauern und Städter, nicht mehr deutsch sondern welsch kleiden, kämpfen wir nur für die Beibehaltung des übernommenen Hergebrachten, noch mehr aber gegen den Luxus und die Überfeinerung in der Tracht und auch sonst in unserer Lebensweise, die sich als Würgengel des deutschen Bauerntume erweisen. Den Bauer verarmen, heiß ein Volk verarmen, den Bauer verderben, heißt ein Volk auslöschen.

Der französische Einfluß hat sich bis zum Ende des Weltkrieges bei uns Schwaben in der Hauptsache nur in der Männertracht ausgewirkt. Die Frauen, nämlich die schwäbischen Bauersfrauen, haben dem welschen Modeanprall fast hundert Jahre länger getrotzt. Die Kleidung der schwäbischen Bauernmädchen nach dem Pariser Modejournal, wie sie uns Hans Dreßler vor Augen führt, beginnt mit allen ihren Übertreibungen und Auswüchsen erst nach dem Kriege.

Und doch ist die Tracht unserer Mütter und Großmütter noch nicht tot. Für den Werktag, in der ärmeren Schicht und in den entlegeneren schwäbischen Siedlungen ist der Großteil des alten Trachtengutes erhalten geblieben. Und was wirklich preisgegeben worden ist, lebt in unserer Erinnerung und in den Bildern unserer Ahnen und harrt der Wiederbelebung.

Die Haus- und Leibwäsche ist hänfener und flächsener Eigenbau im Hause gesponnen und genäht, beim Dorfweber gewebt. Nur Duchent und Polster werden von gekauftem, verschiedenfarbigem Gradel überzogen. Erst in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts haben geschickte Mädchenhände für den Bräutigam aus Oxfordleinen Nähtchen und Fältchen auf die Hemdbrust gesteppt. Meine Mutter hat das besonders gut getroffen und ist darum von ihren zahlreichen Schwägerinnen und Basen nicht wenig beneidet worden. Den Kopf trägt die Schwäbin im Sommer und Winter sorgfältig zugebunden, im Winter das Tuch im Nacken, im Sommer aus dünnen Stoff unter dem Kinn geknotet. Barhaupt käme sie sich halbnackt vor—zum Unterschied von ihren Enkelinnen, die erst dann angezogen sind, wenn sie nichts anhaben. Den Oberkörper umhüllt das “Jankelche”, d. s. zwei zusammengenähte, beim Hals und für die Ärmel ausgeschnittene Blätter aus Blaudruck. Der Rock aus Kattun ist viele Ellen weit, deshalb sehr faltenreich, und es ist ein Zeichen von Wohlstand und Vornehmheit, wenn man mehrere Röcke übereinander trägt. Die Jungfrau trägt am Sonntag noch einen steifen weißen Unterrock, mit selbstgehäkelten Spitzen eingefaßt. Die Schürze gehört ebenso zum Arbeits- wie zum Festanzug und ist bei den Mädeln hell, bunt und leicht, bei den Frauen schwer und düster. Die Schwäbin trägt nur selbstgestrickte Strümpfe, seinerzeit Schnür, später Schuhe mit Gummizug – am liebsten “zum Wechseln”, d. h. für beide Füße nach demselben Leisten gebaut. Die Absätze sind zwar nicht so schlank wie die der Illischestier Pariserin, aber nicht um ein Platterl niedriger und die Schuhe womöglich noch enger. Meine Mutter hat die aus ihrer Mädchenzeitstammenden Hühneraugen im 80. Jahre ihres Lebens mit ins Grab genommen. Die verschnürte schwere “Polka” aus braunem Stoff ist ein Winteroberkleid fremder, wie der Name sagt, polnischer Herkunft. Wenn die Mädel am Sonntag mit gefälbelten (”gekolbten”) weißen Kleidern, Spitzentüchern oder Schals um den Blondkopf, Blumen und ein dreieckig zusammengelegtes, groß gemerktes Schnupftuch im Gesangbuch, nach “der Kirch” durch die Zwölfergasse gingen, schob die Richterin ihren Topfenstrudel in die Röhre und eilte ans Fenster und der Sauer-Hänsel mit seinen schönen Gäulen am Brunnen suchte sich durch ein “Hoh, Elfitafi!” oder durch einen Schnalzer bemerkbar zu machen. “Nix üwer dem Bawiche sei rode Backe” dachte er und drehte das Brunnenrad mit einer Hand so schnell und so spielend leicht, als sei nicht ein Tropfen in dem großen Eimer gewesen.

Brautkleid, Schleier und Myrtenkranz sind bei den bucoviner Schwaben, so weit ich mich zurückerinnere, nicht anders wie in der Stadt. Ob sich die Tochter des Kurators oder des Richters heute schon eine Schleppe nachtragen läßt, ist dem Album Dreßlers nicht zu entnehmen.

An der Männerkleidung ist die zweireihige, oben geschlossene Weste, “das Leibche”, charakteristisch. Doppelreihig ist auch das Röckel und das Winterröckel. Mein Großvater hat nur ”deutsche” Stiefel mit zwei Seitennähten an den Röhren getragen, die er täglich “aufschlug”. Wir jüngeren Leute haben schon die “polnischen” Falten-, später die “ungarischen” Schiebestiefel mit steifen Röhren und einer einzigen Naht getragen. Bei alten, kälteempfindlichen Leuten habe ich oft Filzstiefel gesehen. Der “Stiewelknecht” (Stiefelzieher) und die Aufschlaghölzer haben in seinem Hause gefehlt. “Mei Knieling-Jochann-Vetter” konnte stundenlang vor dem Spiegel sitzen, um sich das schwarze Halstuch kunstgerecht anzulegen und mit dem Strähl die “Sechsundsechziger” herauszubringen. “Struwlicher Hoor” wie bei uns “Gstudierte” hätte sich ausgenommen, wie eine schmierige Bubenbacke. Bei älteren Leuten half Schweineschmalz, der Hannadam, der Gerbers Bertha gefallen wollte, glätte seine “Bersch” mit Rosenöl.

Hosenträger hatte im ganzen Dorf nur der Pfarrer, der Lehrer und der Gendarmeriewachmeister. Weil der Hosenriemen bei uns Schwaben ein Zeichen der Männlichkeit ist, legten wir Buben schon in der vierten Klasse die Hosenträger “endgiltig” ab.

Das braune Winterröckel ist mit seidenglänzenden, schwarzen Bandeln eingefaßt. Mein Vater hat in jüngeren Jahren noch einen nicht mit Stoff überzogenen roten Pelz getragen. Dieses schwäbische Kleidungsstück wurde von wandernden Kürschnern aus der ungarischen Slowakei geliefert. Bis in die Achtzigerjahre gab es in Illischestie keinen deutschen Kürschner. Der erste ist mein einstiger Schulkamerad Josef Ast aus der Erlengasse, sein Lehrmeister sein Schwager Hriwniak gewesen, ein protestantischer Slowake, der eine Schwäbin geheiratet hatte und bei uns bodenständig wurde. Hriwniak hatte in seiner Heimat vier Mittelschulklassen beendet und beherrschte die deutsche Sprache in Wort und Schrift, so daß er später die Kürschnerei seinem Schwager überließ und die freigewordene Stelle des Gemeindesekretärs annahm. Die schwäbischen Pelzkappen, die weit über die Ohren gezogen werde können, sind schon lange vor Hriwniak und Ast bei uns “Mode” gewesen, nur haben sich der Abgeordnete und “Oberleutnant” Fritz Kipper, der Richter und andere “Reiche” bei Hriwniak teuere Persianerkappen nähen lassen.

Manches über die schwäbischen Volkstrachten könnte noch bei Behandlung der Volksbräuche gesagt werden. Weit voraus sind uns Schwaben die vor 800 Jahren eingewanderten Siebenbürger Sachsen, denn sie halten noch fest an ihren alten, artgemäßen Volkstrachten, die sich oft nicht einmal in der deutschen Urheimat erhalten haben. Dasselbe gilt von den Deutschen in der Zips. Aber auch die Schwaben sind noch nicht überall dem Modeteufel verfallen. Veranstalten sie doch in Ungarn alljährlich ihren Schwabenball, der zugleich eine wunderschöne Trachtenschau ist. Ein großes Trachtenfest haben im vergangenen Sommer die Schwaben im südslawischen Banat und in der Baschka in der Gemeinde Hodschag veranstaltet. Außer den Trachten konnte man vorgeführte deutsche Volkstänze, Reigen, Volksmusik und Volkslieder bewundern. Man sah Prozessionsmädchen in der hergebrachten Tracht, Hochzeitsgruppen, Burschen mit Bändern und verzierten Hüten. Mädchen mit selbstgestickten, wertvollen Hauben, köstliche Handarbeiten, Haartrachten u. a. Wo noch so kostbares deutsches Volksgut ist, müßte es durch die berufenen Führer und Lehrer des Volkes gepflegt, belebt, ausgebaut und den anderen Volksgenossen, auch den Städtern, zur Nachahmung empfohlen werden. Wird doch auch die schöne Tracht der österreichischen Gebirgsbewohner, der Steirer, der Oberösterreicher, der Salzburger usw. von den Städtern nachgemacht. Sogar die Einrichtung der Bauernstube findet man sehr häufig in Wohnungen und Gaststätten der Großstadt. Die führenden Deutschen, die wissen und verstehen, worum es geht, müßten auch im Reiche dafür eintreten, daß wir in unserer Wohnungskultur, Kunst und Tracht wieder volkstümlich werden. Das sind keine “völkischen Hirngespinste und Schrullen nationaler Eiferer”, sondern Mahnrufe Wissender und Sehender an ein schwergeprüftes Volk, zu unserer Rettung und Heilung alles Volkstümliche, Schlichte, Wahre, nämlich wirklich Deutsche, wieder hoch und zu Ehren zu bringen; auch keine Kleinigkeiten und Nichtigkeiten, sondern Scheidemünzen, die zusammen den Goldtaler ausmachen, wertvolle Teile des Ganzen und Großen, Erscheinungsformen unserer deutschen Wesensart. Mit dem fremden Sprach-, Trachten-, und Kunstgewand wandelt sich unsere deutsche Seele. Darum wollen wir uns auch in diesen Belangen auf uns selbst besinnen. An dem deutschen Kern und Wesen müssen wir es genesen, ehe wir es der übrigen Welt freistellen, daran gesund werden zu wollen.