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04/12/08 20:35:00 -0700.
Eine Reise in die Bukowina
vom 20.06.-29.06.1998
von Gertrud Siewi, geb. Rankel und
Rosina Geisberger, geb. Rankel
Veröffentlicht mit Genehmigung
des Autors im World-Wide-Web
durch die
Bukovina Society of the Americas, 7. Februar 2004.
Wohl vorbereitet machten wir uns auf, die
Heimat unserer Eltern zu sehen. Mein Vater Adolf Rankel wurde am 08.07.1907 in
Lukawitz bei Solka und meine Mutter Maria, geb. Moroschan in Luisental (jetzt
Fundu Moldovei) am 24.04.1909 geboren.
Der Vater von Rosina war Josef Rankel, ein
Bruder meines Vaters. Seine erste Frau (übrigens auch eine zufällig geborene
Rankel Maria) verstarb und er heiratete Mathilde, geb. Kohlruss Fürstenthal
(jetzt Voivodeasa). Sie wurde am 18.08.1919 geboren und lebt heute in Rottenburg
a d Laaber. Ich reiste bereits zum dritten Mal nach Rumänien und trotzdem war
ich voller Neugier, was uns alles erwartet.
Am 20.06.1998 war es dann endlich so weit,
als wir in Landshut um 22.22 Uhr über München nach Budapest und von dort nach
Cluj (Klausenburg) mit dem Zug reisten. Es war schon eigentümlich im Zeitalter
der hochtechnisierten Welt in eine Region zu fahren, in der vermeintlich die
Zeit stehen geblieben ist. Der Zug war alles andere als sanft, es schlossen
weder Fenster noch Türen und es ratterte unaufhörlich. An der Grenze
Ungarn/Rümänien wurde alles genau durchleuchtet und sogar die Sitzbänke
hochgeklappt. Ein Defekt an unserem Waggon zwang uns „umzuziehen“. Hier war es
nicht mehr so gemütlich, hatten wir doch vorher ein Abteil für uns alleine. Am
Bahnhof Oradea erlebten wir die erste Herzlichkeit, als mein Cousin Neluco mit
Frau Tina und seinem Sohn Ovideu, uns kurz begrüßten und sie erzählten, daß wir
uns in Cimpulung wieder sehen werden. Nach ca. 5 Minuten „dampften“ wir weiter.
In Cluj wurden wir von meiner Cousine Mariana
und deren Mann Mihai mit einem „caruza“ namens DACIA am 21.06. um 16.38 Uhr mit
roten Nelken sehr herzlich empfangen. 18 Stunden waren inzwischen vergangen und
wir reisten wie gesagt mit dem Auto über Berg und Tal nach Cimpulung.
Abendmahlzeit nahmen wir im Hotel Dracula ein, bekannt durch Film und Fernsehen,
hier in dieser Burg soll Dracula sein Unwesen getrieben haben. Hoch gelegen mit
einem wunderbaren Ausblick in das Borgiegebirge.
Nach jahrelangen Renovierungen entstand ein
wunderschönes Hotel mit Restaurant. Das Essen war einwandfrei und wir zahlten
für 4 Personen umgerechnet 35 DM.
Um 23.00 Uhr endete unsere Etappe in
Cimpulung, unser Ausgangspunkt für die geplanten Unternehmungen.
Gut ausgeschlafen, besichtigten wir am Montag
das erste Moldau-Kloster Moldovita (Verkündigungskirche), ca. 38 km nördlich von
Cimpulung.
So schrieb Andre Grabar 1962 „Von außen
betrachtet, erscheint eine jede Kirche als ein bezauberndes Schmuckstück, das in
seiner von Grün und Weiß bestimmten Umgebung bewundert werden muß - das Grün der
Wiesen, aus dem die Kirche emporragt und Weiß der Klosterbauten, die einen
rechteckigen Rahmen um die Kirche bilden. Gleichzeitig ähneln jedoch diese
bemalten Fassaden mit ihren Gestalten und Szenen einem reich illustrierten Buch,
dessen Seiten alle aufgeschlagen sind.“
Wir machten Rast in Sadova und genossen den
Bachlauf, beobachteten das Alltagsleben im Dorf. Frauen spülen die Wäsche im
Bach, Gänse schnattern, Ziegen, Schafe und Kühe weiden gemütlich im
Straßengraben. Vorbeifahrende hupende „DACIAS“ bringen sie nicht aus der Ruhe.
Am Dienstag war Marginea und Fürstenthal
(jetzt Voivodeasa) sowie das Moldaukloster Sucevita am Programm. In Marginea
besuchten wir die Keramikwerkstatt. Hier wird die bekannte schwarze Keramik
hergestellt. Dann wollten wir Fürstenthal, die Heimat von Mathilde (Dilli)
sehen. Schwierig war es herauszufinden, wie das Dorf heute heißt. Zuerst fuhren
wir eine derart holprige Straße in Richtung Horodnic. Nach ca. 3 km war es uns
nicht mehr geheuer und befürchteten, der DACIA bricht zusammen. So kehrten wir
wieder enttäuscht um und befragten nochmals Bewohner, die auf Bänken vor ihren
Häusern den Tag „betrachteten“. Endlich konnte sich jemand erinnern und zeigte
uns den Weg nach Voivodeasa. Hier fuhren wir einfach in eine Straße, gesäumt von
vielen Häusern, kein Ortschild vorhanden. Es regnete stark. Ein Mann kam des
Weges und bestätigte uns in deutscher Sprache, wir sind im ehemaligen
Fürstenthal. Er verwies uns gleich auf eine noch besser deutschprechende Frau,
die uns Auskunft erteilen kann. Es war Anna Lazaren (geb. Gaschler), sie und
Alfred Stadler begleiteten uns zum Friedhof. Sie offenbarten uns, daß nur noch
ein deutsches Grab existiert (Name Zettel). Die Friedhöfe in Rumänien werden
nicht sonderlich gepflegt. Wahrscheinlich fehlt es wie überall am Geld.
Wir besichtigten die Kirche in Fürstenthal.
Das Grundstück, das mit einem Haus der Familie Kohlruß bebaut war haben wir
entdeckt. So wie es Dilli beschrieben hat, fanden wir alles vor. Das 2. Haus
links neben Kirche war ihre Heimat, rechts verläuft ein Bach, hinter dem Haus
geht es bergauf und hier hat sie als Kind (sie hatte noch 11 Geschwister) Beeren
aller Art gesammelt. Es war ein deutsches Dorf mit ca. 500 Einwohnern. Derzeit
leben noch 4 deutsche Familien in Voivodeasa.
Voller Freude entdeckt zu haben, was niemand
mehr für möglich gehalten hätte setzten wir unsere Fahrt zum Kloster Sucevita
(Auferstehungskirche) fort. Das Äußere des Bauwerks ist in ein prunkvolles
buntes Gewand gehüllt, das vom schattigen Grün des Hintergrundes beherrscht
wird, aus der die anderen Farben wie Edelsteine treten, funkelnd und leuchtend.
Auf dem Rückweg merkten wir, daß mit dem
Caruza etwas nicht in Ordnung ist. Mihai cool und gelassen öffnete die
Motorhaube und stellte fest, daß das Gasseil gerissen war. Von einem Weidezaun
holte er sich ein Stück Draht, reparierte das Gasseil und nach 45 Minuten
konnten wir die Fahrt wieder fortsetzen. Wie uns in dieser bergigen Landschaft
zu Mute war, kann sich jeder ausdenken, ich hoffte nur, daß die Bremsen nicht
versagen. Aber Mihai war ein Meister seines Werkes und wir kamen wieder gut nach
Hause.
Am Mittwoch, den 24.06. fuhren wir mit einem
neuen Gasseil nach Cacica, Solka, Clit, Radautz und Suceava und Guru Humorului.
Cacica ist ein Wahlfahrtsort, das am 15.08. -
Maria Himmelfahrt - heute noch ihr Fest feiert.
Hierher pilgerten unsere Eltern jährlich.
Auch hier konnten wir eine Person ausfindig machen, die uns die Kirche zeigte.
Als wir nach einer Ansichtskarte fragten, hat sie uns Gebetsbilder geschenkt.
Tante Dilli war sichtlich gerührt, als sie das Foto dieser Kirche sah, waren
doch sehr viele Jugenderinnerungen damit verbunden.
Wir fuhren weiter nach Solka. Meine Mutter
arbeitete nachweislich in der Ostbank vom 24.04.1921 - 20.09.1928 und vom
20.09.1929 - 01.09.1930 bei einer Familie Faust. Das Bankgebäude existiert heute
noch. Mein Vater war im Jahre 1939 Rekrut in Solka. Dieses Erlebnis nach den
Erzählungen meiner Eltern versetzte mich irgendwie in Bann. Wir spazierten durch
Solka und hatten das Gefühl einmal schon hier gelebt zu haben. Wir besichtigten
die Kirche, die sehr einfach ausgestattet war und am Ende der Stadt eine Ruine,
wahrscheinlich ein ehemaliges Kloster.
Leider hatten wir aus Zeitgründen keinen
Fremdenführer engagieren können, das wäre sicherlich sehr interessant gewesen.
Wir fuhren weiter nach „Lichtenberg“, jetzt
in Clit eingemeindet. Als ich vor sechs Jahren Clit besuchen wollte, hat mir
mein Onkel Karl davon abgeraten. Es sei zu gefährlich, leben doch überwiegend
„Zigeuner“ in diesem Ort. In Clit ist meine Oma, Rosa Moroschan am 13.07. 1883
geboren und Dolfi am. 08.08.1933.
Bisher waren wir der Meinung, daß auch
Lichtenberg Causescus “Reformwütigkeit“ zum Opfer gefallen ist. Elsa, die
Schwester von Rosina wurde am 01.06.1930 in Lichtenberg geboren. Ihre
Erinnerungen waren für unsere Erkundungen sehr nützlich. Als wir die Straße von
Solka voller Spannung nach Clit fuhren, sagte ich schon von weitem, Rosina das
ist Lichtenberg, die Straße verläuft bergauf, bergab und oben drohnt die Kirche
von Lichtenberg. Es war nicht zu verkennen. Die Straße wird wie überall in
Rumänien von Häusern links und rechts gesäumt. Meine Mutter erzählte mir, die
deutschen Häuser waren aus Ziegel und die rumänischen aus Holz. Lichtenberg war
ein deutsches Dorf. Die alte Kirche als Wahrzeichen der Heimat unserer Eltern
steht noch. Der Friedhof am Ende des Dorfes, ab von der Straße, ein
unbefahrbarer Weg führt hinauf, zeugt noch von der Vergangenheit. Wir haben die
Grabsteine auf den Kopf gestellt, in der Hoffnung einen Rankel zu entdecken.
Namen aus der Familie unserer Großmutter haben wir gefunden, wie Winklbauer und
Scheinost. Vermutlich wurden die Grabstätten früher mit Holzkreuzen bestückt,
die mit den Jahren verrotteten. Eine für uns phänomenale Entdeckung machten wir
allerdings mit dem Grab von Emil Vlaschin, dem Ehemann von Roserl Vlaschin
(Onkel von Rosina). Er starb 1974 in Clit. Nach einer gemütlichen Rast unter
Kirschenbäumen am Friedhof mit Blick auf das Neudörfl, der zweiten Heimat meiner
Eltern fuhren wir weiter nach Radautz. Radautz war das Handelszentrum der
Rumäniendeutschen. Dort besuchten wir die Markthalle, tranken Kaffee und traten
unsere Heimreise über Suceava nach Cimpulung an. Hier wurden wir von Tante
Veronika, Onkel Karls Frau und Tina aus Oradea zum Essen eingeladen. Sie haben
uns ausgezeichnet bewirtet. Der Tag endete mit einem Folkloreabend im Hotel
Zimbru.
Am 25.06. (Donnerstag) stand Fundu Moldovei
auf den Programm, der Geburtsort meiner Mutter. Es sind ca. 8 km von Cimpulung
entfernt und man ist mitten im Gebirge. Eine wunderschöne Landschaft und der Ort
heißt übersetzt „am Ende von Moldovei“. Hier endet tatsächlich das bewohnte
Land. Eine Holzkirche zeugt noch aus der Vergangenheit, in der meine Mutter
getauft wurde. Sie ist stark renovierungsbedürftig. Wie wir erfahren haben, soll
sich ein Spender zum Erhalt der Kirche gefunden haben. Das Grundstück mit der
Größe von 2549 qm meines Großvaters und Großonkels ist noch im Grundbuch
eingetragen. Eine Rückforderung ist nach Aussage meiner Cousine Mariana
aussichtslos, da es wieder, obwohl widerrechtlich, bebaut ist. Als ich oben auf
dem Berg des ehemaligen Luisentals stand, habe ich meine Mutter gesehen, wie sie
als Kind auf und ab hopste. Aus ihren Erzählungen habe ich das Dorf ganz genau
wieder erkannt. Links der Straße wohnten die Deutschen und rechts die Rumäner.
Es ist tatsächlich so, links Ziegelhäuser und rechts Holzhäuser.
Im Dorf selbst wurde ein privates
Heimatmuseum errichtet. Fundu Moldovei besitzt ein Bergwerk und soll auch heute
noch betrieben werden. Der Besuch des Heimatmuseums war sehr aufschlußreich über
das Leben unserer Eltern und Vorfahren.
Am Abend wurden wir von meinem Cousin Edi und
Frau Maricica festlich bewirtet. Die Gastfreundschaft war ausgezeichnet und wir
bekamen einen Einblick in das Leben und die Gewohnheiten der Menschen in
Rumänien. Sie sind wahre Lebenskünstler.
Am Freitag fuhren wir noch nach Dorohoi,
früher eine ausgesprochene jüdische Stadt. Dort wollte uns Mihai einen
traditionellen Markt zeigen und selbst billig einkaufen. Leider war schon
vieles ausverkauft. Auf dem Rückweg zeigte er uns sein Heimatdorf Lunca. Es
befindet sich an der der Grenze von Moldavien und ist die ärmste Region
Rumäniens. Anschließend folgt die Bukowina. Die Felder werden überwiegend noch
manuell bestellt. Pferdegespanne, Fußgänger, Tiere aller Arten säumen die
Straßen, die Menschen sind rund um die Uhr unterwegs, die Felder zu
bewirtschaften und sich zu versorgen. Pilze und Beeren werden an der Straße von
Kindern zum Kauf angeboten. Die Leute sind stets gut gelaunt, freundlich, sehr
hilfsbereit und auskunftswillig. Wir hatten nie Probleme, trotz der vielen
Horrormeldungen in den Medien, die in Deutschland über Rumänien veröffentlicht
werden.
Am 28.06.1998 traten wir unsere Heimreise mit
Übernachtung in Oradea bei Neluco und Tina wieder an. Tina und Neluco haben uns
durch die Altstadt von Oradea geführt. Es war ein erlebnisreicher Abend mit
einem schönen Auftenthalt in einem Straßencafe. Wir durften in ihrer Wohnung mit
30 qm übernachten. Bewirtet wurden wir ausgezeichnet, trotz des minimalen
Platzangebotes. Für unsere jetzigen Verhältnisse in Deutschland unvorstellbar.
Wir waren einfach überwältigt.
Bedanken möchten wir uns für die
außerordentlich engagierte Begleitung bei Mariana und Mihai durch die Bukowina,
in der unsere Eltern bis 1940 ihre Jugendzeit verbrachten.
Insgesamt gesehen, war es eine erlebnisreiche
und informative Reise, und wie schrieb Andre Grabar „wenn die Reisefreudigkeit
weiter anhält und die Verkehrsmittel verbessert werden, so werden sich immer
mehr Liebhaber von Kunststätten in der Umgebung der alten moldauischen Kirchen
ein Stelldichein geben um deren bemalte Außenwände zu bewundern.“
Gertrud Siewi,
geb. Rankel
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